
Methode der systemischen Therapie
Hypothesenbildung
In vielen Therapieformen versucht der Therapeut, schnell zu verstehen, woher Dein Problem kommt. In der systemischen Arbeit gehen wir anders vor. Wir entwickeln Hypothesen. Das sind mögliche Erklärungen, die wir gemeinsam ausprobieren und wieder verwerfen dürfen, falls sie nicht passen.
Warum keine schnelle Diagnose
Eine vorschnelle Erklärung schließt mehr aus, als sie öffnet. Wenn ich Dir sage, Deine Erschöpfung kommt von Deiner Mutter, klingt das vielleicht plausibel. Aber es schneidet 20 andere Lesarten ab, die genauso wahr sein könnten. Vielleicht ist es Deine Mutter, vielleicht aber auch ein verdrängter Wunsch nach beruflicher Veränderung, oder ein Konflikt in Deiner Partnerschaft, der Dich Energie kostet.
Hypothesenbildung schützt Dich davor, Dich auf eine Geschichte festzulegen, die Dir nicht weiterhilft. Wir behalten mehrere Möglichkeiten offen, bis sich eine durch die Arbeit als die tragfähigste erweist.
Wie wir gemeinsam Hypothesen entwickeln
Ich biete Dir verschiedene Lesarten an. Du prüfst, welche resoniert. Manchmal stimmt eine erste Hypothese teilweise und wir verfeinern sie. Manchmal merken wir, dass wir auf einer falschen Spur waren und drehen um.
Wichtig ist: Du musst keine meiner Hypothesen annehmen. Es ist ausdrücklich erlaubt, mir zu sagen, dass eine Lesart sich falsch anfühlt. Genau dann lernen wir am meisten. Hypothesenbildung ist keine Diagnose, sondern ein gemeinsamer Erkundungsraum.
In der Praxis
Beispiele für Hypothesen, die in einer Sitzung auftauchen können:
- Vielleicht ist Deine Erschöpfung weniger ein Burnout, sondern ein Hinweis, dass Deine Rolle im Team nicht zu Dir passt
- Vielleicht streitet ihr nicht um Geld, sondern um das Gefühl, gesehen zu werden
- Vielleicht hat Dein Rückzug gerade einen Schutz-Charakter, den wir respektieren sollten, statt ihn aufzulösen
- Vielleicht ist Deine Angst ein Signal für eine Grenze, die Du gerade nicht trauen würdest, klar zu setzen
Online-Spiel zur Methode
Hypothesen-Labor
Fünf Linsen auf eine Situation. Welche Erklärung resoniert?
Du entwickelst mehrere Lesarten Deiner Situation, bewertest ihre Resonanz und prüfst, wie sicher Du Dir bei Deiner ersten Erklärung wirklich bist.
Situation und erste Erklärung
Was ist los, und was ist Deine bisherige Erklärung dafür?
Fünf Linsen
Mindestens drei Lesarten formulieren. Jede beginnt mit „Vielleicht“. Dann: Wie stark resoniert sie?
Beziehung
Was, wenn es eigentlich um Nähe, Anerkennung oder Gesehen-werden geht?
Körper & Energie
Was, wenn Dein Körper etwas sagt, das der Kopf noch nicht hört?
Arbeit & Rolle
Was, wenn die Rolle nicht passt, nicht die Person?
Familie & Herkunft
Was, wenn Du gerade ein altes Muster wiederholst?
Schutz & Grenzen
Was, wenn das Problem eigentlich ein Schutz ist?
Nochmal: Wie sicher bist Du?
Dieselbe Frage wie am Anfang. Ehrlich antworten.
Wissenschaftlicher HintergrundMehrere Hypothesen parallel zu halten schützt vor Bestätigungsfehlern und öffnet Handlungsspielräume.MehrWeniger
Hypothesenbildung ist neben Zirkularität und Neutralität eine der drei Leitlinien der Mailänder Schule. Gianfranco Cecchin ersetzte 1987 den Begriff Neutralität durch Neugier: Die Aufgabe ist nicht, die richtige Erklärung zu finden, sondern so lange mehrere Erklärungen im Spiel zu halten, bis sich eine als nützlich erweist.
Die Kognitionspsychologie liefert dazu den Hintergrund. Der Bestätigungsfehler, von Nickerson umfassend beschrieben, lässt uns Informationen bevorzugen, die unsere erste Erklärung stützen. Lord, Lepper und Preston zeigten schon 1984, dass die einfache Anweisung, das Gegenteil zu erwägen, diese Verzerrung messbar reduziert. Das Labor macht genau das: Es zwingt Dich freundlich zu fünf Lesarten und vergleicht Deine Sicherheit vorher und nachher.
Quellen
- Cecchin, G. (1987). Hypothesizing, circularity, and neutrality revisited: An invitation to curiosity. Family Process, 26(4), 405–413. DOI
- Lord, C. G., Lepper, M. R. & Preston, E. (1984). Considering the opposite: A corrective strategy for social judgment. Journal of Personality and Social Psychology, 47(6), 1231–1243. DOI
- Nickerson, R. S. (1998). Confirmation bias: A ubiquitous phenomenon in many guises. Review of General Psychology, 2(2), 175–220. DOI
Das Spiel ist eine Selbstreflexionsübung und ersetzt keine Diagnostik, Therapie oder Krisenhilfe.
Klingt nach Dir? Lass uns reden.
Im kostenlosen 30-Minuten-Erstgespräch schauen wir gemeinsam, ob Hypothesenbildung zu Deinem Anliegen passt. Unverbindlich, ohne Druck, vor Ort in Berlin-Wilmersdorf oder online.
Verwandte Methoden
Zurück zur Übersicht
Alle Methoden auf einen BlickDipl.-Psych. Ushy Handl, Heilpraktikerin für Psychotherapie in Berlin-Wilmersdorf. Methoden aus der systemischen Therapie nach Steve de Shazer, Virginia Satir, Bert Hellinger und der Systemischen Gesellschaft (SG).