
Methode der systemischen Therapie
Muster & Kreisläufe
Kennst Du das: Derselbe Streit, nur ein anderer Anlass? Oft liegt das nicht an einer Person, sondern an einem Muster, in dem beide Seiten gefangen sind. Wenn wir dieses Muster gemeinsam sichtbar machen, wird es leiser, und es entsteht Platz für einen anderen Schritt.
Was ist ein Teufelskreis?
In einem Teufelskreis reagiert jede Seite auf die andere, und jede Reaktion bestätigt die Befürchtung des Gegenübers. Du ziehst Dich zurück, weil Dein Partner drängt. Er drängt, weil Du Dich zurückziehst. Beide haben recht, und genau deshalb dreht sich der Kreis weiter.
Systemisch fragen wir deshalb nicht, wer angefangen hat. Wir schauen darauf, wie sich das Muster am Leben hält: Welcher Gedanke, welches Gefühl, welches Verhalten führt zum nächsten Schritt?
Wie wir Muster in der Therapie bearbeiten
Zuerst zeichnen wir den Kreislauf gemeinsam auf, mit Deinen Worten. Oft ist das schon eine Entlastung, weil sichtbar wird: Du bist nicht das Problem, das Muster ist es. Danach suchen wir eine Stelle, an der ein kleiner Unterschied möglich ist.
Das muss kein großer Schritt sein. Eine Pause vor dem Antworten, ein Satz, der das eigene Gefühl benennt, oder ein bewusst anderer Zeitpunkt für ein Gespräch reichen oft, damit sich der ganze Kreis verändert.
Typische Muster
Fordern und Zurückziehen, Kritik und Rechtfertigung, Überfunktion und Unterfunktion, Kontrolle und Widerstand: Diese vier Muster begegnen mir in Paarbeziehungen, Familien und Teams immer wieder. Sie sind gut erforscht und gut veränderbar, sobald man sie erkennt.
In der Praxis
Fragen, die beim Erkennen eines Musters helfen:
- Was passiert kurz bevor es wieder losgeht?
- Was denkst Du in dem Moment über Dich und über die andere Person?
- Was tust Du dann, und was macht die andere Seite daraufhin?
- Wo im Kreis könntest Du nächstes Mal einen kleinen Unterschied ausprobieren?
Online-Spiel zur Methode
Kreislauf-Detektiv
Erkenne das Muster. Dann such die Tür nach draußen.
Du trainierst, typische Wechselwirkungen in Alltagsszenen zu erkennen, baust Deinen eigenen Kreislauf und findest die Stelle, an der ein kleiner Unterschied den Kreis öffnet.
Im Vollbild mit ruhigem Klang, Erzählstimme und Lexikon. Dein Spielstand bleibt in Deinem Browser.
Wissenschaftlicher HintergrundWer ein Muster benennen kann, ist ihm weniger ausgeliefert: Wechselwirkungen werden sichtbar, Schuldfragen leiser.MehrWeniger
Wer ein Muster benennen kann, ist ihm weniger ausgeliefert: Wechselwirkungen werden sichtbar, Schuldfragen leiser.
Watzlawick, Beavin und Jackson beschrieben 1967, dass Menschen einen Kreislauf unterschiedlich „interpunktieren“: „Ich ziehe mich zurück, weil Du nörgelst“ und „Ich nörgle, weil Du Dich zurückziehst“ sind zwei Lesarten desselben Kreises. Beide Seiten erleben sich als Reagierende. Systemisch heißt das zirkuläre Kausalität: Nicht eine Person ist schuld, das Muster hält sich selbst am Laufen.
Die Paarforschung bestätigt, wie stabil solche Kreisläufe sind. Das Fordern-Rückzug-Muster gehört zu den am besten untersuchten Konfliktmustern und hängt mit geringerer Beziehungszufriedenheit zusammen. Gottman fand, dass Kritik, die mit Rechtfertigung beantwortet wird, zu den deutlichsten Warnzeichen in Beziehungen zählt.
Schulz von Thun hat daraus das Teufelskreis-Modell gemacht: Jede Seite hat ein sichtbares Verhalten und ein inneres Erleben, die sich gegenseitig anstoßen. Das Spiel nutzt genau diesen Aufbau. Erst übst Du das Erkennen an fremden Szenen, dann zeichnest Du Deinen eigenen Kreis und suchst eine Stelle, an der Du etwas anders machen kannst.
Quellen
- Watzlawick, P., Beavin, J. H. & Jackson, D. D. (1967). Pragmatics of human communication: A study of interactional patterns, pathologies, and paradoxes. New York: W. W. Norton.
- Christensen, A. & Heavey, C. L. (1990). Gender and social structure in the demand/withdraw pattern of marital conflict. Journal of Personality and Social Psychology, 59(1), 73–81. DOI
- Gottman, J. M. (1994). What predicts divorce? The relationship between marital processes and marital outcomes. Hillsdale, NJ: Lawrence Erlbaum.
- Schulz von Thun, F. (1989). Miteinander reden 2: Stile, Werte und Persönlichkeitsentwicklung. Reinbek: Rowohlt.